Lieblingsautor:innen (III): Chimamanda Ngozi Adichie

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria als Tochter einer Verwaltungsangestellten und eines Universitätsprofessors geboren. 1998 zog sie für ihr Studium in die USA und wohnt seither teils in den Vereinigten Staaten, teils in Lagos.

Während ihre beiden ersten Roman – «Blauer Hibiskus» und «Die Hälfte der Sonne» – geteilte Kritiken erhielten, schaffte sie mit der Geschichtensammlung «Heimsuchungen» und dann vor allem mit ihrem dritten Roman «Americanah» den grossen Durchbruch. Die Figuren in «Heimsuchungen» bewegen sich in und und kämpfen sich durch zwei Welten: die ursprüngliche Heimat Nigeria und das neue Zuhause in den USA. Während dieser Erzählband vor allem auch zum Thema hat, wie sich die Protagonist:innen in diesem Spannungsfeld Nigeria – USA bewegen, ist «Americanah» eine brillant geschriebene Rassismuskritik. Die Kritik ist dabei nicht anklägerisch, sondern zeigt sich durch präzise Schilderungen von unscheinbaren Ereignissen in der Schulzeit, von festgefahrenen Stereotypen oder von Demütigungen im Alltag der Romanfiguren.

Der (einen) Ursache für die Verbreitung von rassistischen Stereotypen geht Adichie im sehenswerten Podcast «The danger of a single story» nach. Sie meint dort, dass gerade im Bezug auf afrikanische Länder immer wieder die klassischen Themen von Hunger und Armut, von Korruption und «Failed States» zur Sprache kommen, aber positive Geschichten kaum Beachtung fänden. Sie plädiert dafür, dass mehr Geschichten von und über afrikanische Länder und Personen veröffentlicht und gelesen werden, um so ein besseres Verständnis für andere Gesellschaften zu erhalten.

Nebst Rassismus ist Feminismus ein wichtiges Thema in den Büchern und den öffentlichen Äusserungen von Chimamanda Ngozi Adichie. Nebst starken Frauenfiguren in ihren Romanen, hat sie zwei Bücher explizit dem Feminismus gewidmet. «Liebe Ijeawele… – wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden» ist der Brief an eine Freundin, die Adichie um Ratschläge gebeten hatte, wie sie ihre Tochter feministisch erziehen soll. «We should all be feminists» ist das überarbeitete Transkript eines TedTalks, bei dem sie ganz zum Schluss eine persönliche und sehr pragmatische Definition von Feminismus gibt:

«Eine Feministin oder ein Feminist ist ein Mensch, der sagt, ja, es gibt heutzutage Problem mit Geschlechterrollen, und das müssen wir korrigieren, und wir müssen es besser machen. Wir alle, Frauen und Männer, müssen es besser machen»

2020 ist der Vater von Chimamanda Ngozi Adichie verstorben, zu dem sie ein sehr enges Verhältnis hatte. In ihrem neusten Buch «Trauer ist das Glück, geliebt zu haben» (was für ein schöner Titel…), reflektiert sie über den Verlust ihres Vaters und über die Trauer. Zu diesem Buch hat sie Daniel Graf von der Republik auch ein langes und unbedingt lesenswertes Interview gegeben.

Chimamanda Ngozi Adichie gelingt es regelmässig, mich mit ihren Büchern in den Bann zu ziehen. Mich fasziniert dabei vor allem, wie sie es immer wieder schafft, ernste Themen mit Leichtigkeit und Witz zu schildern, ihre Figuren bildhaft werden zu lassen und – scheinbar ganz einfach – tolle Geschichten zu erzählen. Nebst ihren Büchern sind aber auch ihre öffentlichen Auftritte sehr hörenswert und bereichernd. So beispielsweise auch ihr Auftritt an der Buchmesse Frankfurt 2018, an dem sie so wunderbar schildert, warum Literatur (für sie) wichtig ist:

«Literature does teach us. Literature does matter. I read to be consoled, I read to be moved, I read to be reminded of grace and beauty and love but also of pain and sorrow. And all of these matter—all of these are useful lessons»

Copyright Beitragsbild: Howard County Library System

Lieblingsautor*innen (II): Roger Willemsen

«Wer glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?» Diese Frage stellt sich Roger Willemsen, als er vom Interviewer Juri Steiner in einer Sternstunde Philosophie gebeten wird, sich selber einer Frage zu stellen. Und die Antwort sagt in einem Wort schon vieles über Roger Willemsen und sein Werk und weshalb ich in so mag: «Ein Entflammter».

Denn dieses Feuer, diese Leidenschaft für Menschen, für die Gesellschaft zieht sich durch sein gesamtes Werk. Gepaart mit seiner ethnographischen Beobachtungsgabe und seinem brillanten Intellekt werden seine Bücher dadurch zu einem Kaleidoskop, das mir die Welt in unterschiedlichsten Facetten sichtbar macht, soziale Entwicklungen benennt, Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt.

So beispielsweise in «Deutschlandreise», das 1994 erschien und für das Willemsen monatelang durch die Republik fuhr, mit unzähligen Leuten spricht, noch viel «unzähligere» Leute beobachtet und die Erkenntnisse und Beobachtungen immer wieder einordnet. Beispielsweise an dieser Stelle

«Er blickt aus dem Fenster mit dem Behagen eines Mannes, der auch gerne Eisläuferinnen stürzen sieht. Jetzt hat er zufrieden einen Zigarillo aus dem Silberetui in der Brusttasche gezogen, dabei zwei rote Hosenträger entblösst, die Krawatte samt Spange mit der in Silber gesägten Skyline von Köln glatt gezogen, als müsse er den vorbeiziehenden Forst in Klafter Holz umrechnen. „Es gibt Menschen“, steht in Hebbels Tagebuch, „die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.“ Zieht einen Flunsch, als der Schaffner kommt und sein Ticket sehen möchte. Das ist unter seiner Würde. Isst sein Brötchen aus der Papiertüte, zweimal bleibt der gezackte Papierrand zwischen den Zähnen hängen. Seine kleinen Ohren sind feuerrot. Er könnte kaum lächerlicher sein, wenn er mit Hüfthaltern dasässe. Es ist eine Welt, in der man zwischen „Freiheit“ und „Freizeit“ nicht unterscheiden kann, „Gesellschaft“ sagt und „Zielgruppe“ meint, von einem „Konzept“ spricht und nicht einmal eine „Idee“ besitzt, von einer „Idee“ spricht und nicht einmal einen Einfall hat. Lauter Urteile, aber keine Begriffe. Alles haltlos, alles schwankend, doch könnte mein Gegenüber nicht selbstbewusster sein. Wer bringt ihm schonend bei, das selbst das Nichts physikalisch instabil ist?» (Deutschlandreise (1994), S. 68f)

Seine Reisen führten in aber meist viel weiter weg. In «Die Enden der Welt» (2010) versammelt er Geschichten und Erzählungen aus fünf Erdteilen und lässt einem mit seiner bildhaften Sprache fast physisch an den Erlebnissen teilhaben.

Eine Herzensangelegenheit war im Afghanistan. Er engagierte sich nicht nur sehr stark in Projekten, sondern bereiste das Land regelmässig. Daraus entstanden verschiedene Werke: «Afghanische Reise» (2006), «Hier spricht Guantánamo: Roger Willemsen interviewt Ex-Häftling» (2006) oder «Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und die Welt» (2013).

Man würde Roger Willemsen jedoch nicht gerecht werden, wenn man sein Werk auf die Reisen zu reduzieren versuchte: Denn natürlich ist sein Themenspektrum, die er in 36 Büchern, unzähligen Artikeln, Reden, Drehbüchern und in über 2000 Interviews abhandelt unendlich breit. Meine Favoriten daraus sind: «Der Knacks» (2008), in dem er sich – auch autobiographisch – mit dem Scheitern, mit Brüchen, Niederlagen, Enttäuschung und Verlust beschäftigt; «Das Hohe Haus», für welches er ein Jahr lang alle Sessionen des Deutschen Bundestages besucht, um herauszufinden, ob die Volksvertreter*innen tatsächlich das Volk vertreten und wie sie das tun; und dann vor allem «Wer wir waren». Willemsen arbeitete an dieser Gesellschaftsanalyse, bis er 2015 die Krebsidagnose erhielt und daraufhin das Schreiben einstellte. Ein Buch unter diesem Titel erschien dann 2016 trotzdem. Es ist eine überarbeitete Fassung einer Zukunftsrede, die Willemsen 2015 hielt. Es ist eine Tragödie, dass das geplante Buch nicht mehr erscheinen konnte; gleichzeitig aber auch ein Geschenk, dass die Rede veröffentlicht wurde, denn kaum einer seziert die Gesellschaft so genau aber auch so schön wie Willemsen:

«Nicht nur ermöglichen wir unseren Arbeitgebern schrittweise die restlose Verfügung über unsere Person durch schrankenlose Erreichbarkeit, über unsere Lebensführung durch Übermittlung unserer Gesundheitsdaten, über Identifikationen, die Sektenstrukturen haben und Persönlichkeitsrechte kränken, wir leiden sogar unter „Freizeitstress“, übersetzen unser Tun in Kosten-Nutzen-Kalkulationen, sind Spezialisten für Dinge, die einmal der Effizienz entzogen waren: Freizeit, Faulheit, Prokrastination, Selbstversenkung, Trauer, alles wird Wissenschaft, wird Kompetenz, wird Arbeit. Etwas zu erarbeiten ist die Erholung. Die Arbeit, werden wir schliesslich sagen können, war unsere Metapher, das Medium, das uns vor der Betrachtung der Existenzfragen, vor der Sichtung der Bedrohungen, vor dem Protest und der Ohnmacht bewahrte, und manchmal wachten wir auf, mitten in einer grossen Stadt, wo der Coca-Cola-Spot laut von den Videowänden schallte, so dass sich der Schrei der Möwen dagegen kaum behaupten konnte, und fragten: Warum? Wie weiter? Alte Fragen, an denen wir zuerst wahrnehmen, dass sie alt waren und dass sie weichen würden, dem Coca-Cola-Spot und seinem Crescendo der in der Brause jauchzenden Lebensfreude, die perlt und schäumt, wie wir es tun, wenn wir die Protagonisten eines Werbespots sein wollen oder uns so fühlen dürfen. Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse. Von der Macht der Verhältnisse in die Entmündigung durch Dinge, denen wir Namen gaben wie „System“, „Ordnung“, „Marktsituation“, „Wettbewerbsfähigkeit“. Ihnen zu genügen nannten wir „Realismus“ oder „politische Vernunft“. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht. Denn unser Kapitulieren war auch ein „Mit-der-Zeit-Gehen“.» (Wer wir waren (2016), S. 50ff)

Roger Willemsen starb im Februar 2016 an Krebs.

Werke von Roger Willemsen im BVL

„Rein ins Gewimmel!“ Spass mit Wimmelbüchern für gross und klein

Selten macht Suchen soviel Spass wie in Wimmelbüchern. Da werden nicht nur Figuren gesucht, sondern auch kleinste Gegenstände wie Schlüssel oder Goldmünzen sind zu finden! Diese Art von Büchern laden ein, lange zu verweilen und nicht locker zu lassen, bis das gesuchte Objekt entdeckt ist!

Ali Mitgutsch gilt als Erfinder des Wimmelbuchs. Vielleicht erinnern Sie sich noch an seine Bücher aus Ihrer Kinderbücher-Zeit? Und vielleicht lieben Ihre Kinder heute diese Bücher auch! Denn die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch sind noch immer begehrt und stehen selten lange in unseren Bilderbuchtrögen. Mittlerweile befinden sich seine Exemplare inmitten eines riesigen Wimmelbuch-Angebots.

Neben den Büchern von Ali Mitgutsch zählen die Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner, die das Leben in Wimmlingen in allen 4 Jahreszeiten zeigen, zu den Klassikern für die jungen Kinder, und die Bücher von Martin Handford mit der Frage: Wo ist Walter? erfreuen sich einer grossen, etwas älteren Fangemeinde. Doch das mit dem Alter ist so eine Sache…

Wahrscheinlich geschieht der Einstieg in die Wimmelwelten wohl über die Kinder. Doch lädt diese besondere Form von Büchern auch Erwachsene ein, nach kleinen Details versteckt im Bild zu suchen. Und längst hat der Wimmelbuch-Markt auch die älteren Kinder und Jugendlichen entdeckt. Da gibt es Bücher im Rahmen von Star Wars „Wo ist der Wookiee?“, die zu einer galaktischen Bildersuche einladen, oder die Reihe „Ich sehe was…“ und auch ein Asterix-Wimmelbuch darf nicht fehlen. Die Aufzählung liesse sich mit einer grossen Anzahl von weiteren Wimmelwelten ergänzen

Der Bildanteil in diesen Büchern ist sehr hoch, detailreich, dicht und oft mit viel Witz gespickt. Die Betrachtenden können sich wunderbar allein mit diesen Büchern beschäftigen, doch wesentlich mehr Spass macht es natürlich zu zweit. Da wird scharf beobachtet, gelacht und erzählt. Wortschatz, Sprache und Ausdruck werden gefördert. Das sind wichtige Bausteine für die Kommunikation. Sich in einer wimmeligen Umgebung fokussieren und konzentrieren zu können, sind gerade in der heutigen Zeit gefragte Fähigkeiten. Aus Bildern eine Geschichte zu erschliessen regt die Betrachtenden zu einer höchst aktiven Auseinandersetzung an. Wimmelbücher bieten so eine wunderbare Gelegenheit, Lernen mit Spass zu verbinden!

In diesen Büchern gibt’s nicht nur eine Geschichte zwischen den Buchdeckeln, sondern eine Vielzahl von Figuren und Handlungssträngen, denen man folgen kann. Diese Bücher passen deshalb auch wunderbar ins Feriengepäck! In der Stadtbibliothek finden Sie ein grosses Angebot an verschiedensten Arten von Wimmelbüchern für alle Altersstufen.

Zum Schluss noch eine kleine „Perle“: Im „Luzern Wimmelbuch“ lassen sich bekannte Orte und Plätze dieser wunderschönen Stadt finden. Dieses comic-artige Wimmelbuch, illustriert von Amadeus Waltenspühl, richtet sich eher an Erwachsene. Finden Sie auf dem folgenden Bild das Gebäude der Stadtbibliothek Luzern? Los geht’s – rein ins Gewimmel!

Bild aus dem Buch: Das Luzern Wimmelbuch (©Amadeus Waltenspühl, Vatter&Vatter AG, Bern und Berlin, 2016)

Lieblingsautor*innen (I): Arno Camenisch

«Der Senn hängt an seinem Gleitschirm in den Rottannen unterhalb der Hütte der Alp Fusse des Sez Ner. Er hängt mit dem Rücken zum Berg, von der Hütte aus hört man ihn fluchen, mit dem Gesicht zur anderen Talseite, wo die Spitzen der Berge gegen den Himmel ragen, Seite an Seite, in der Mitte der Péz Tumpiv, mächtig, wie er da steht, mit seinen 3101 Metern, als überrage er die anderen schneefreien Bergspitzen. Der Zusenn sagt, der kommt dann schon wieder, der soll ruhig noch ein bisschen zappeln, wenn er schon nicht drüber gekommen ist»

«Orapronobis, der Alte hoch oben im Himmel lässt sich dieses Jahr aber Zeit, Cofferteckel, wenn denn etwas Schnee fallen würde, wäre das nicht verkehrt, sagt der Paul und schaut in den Himmel, aber Petrus, der Esel, hält uns hin, und sein Boss hat anderes zu tun»

Das sind die jeweils ersten Abschnitte aus Sez Ner, dem 2009 erschienen Erstling, und aus dem 2018 erschinenen «Der letzte Schnee» von Arno Camenisch – und sie zeigen nicht nur, dass er ein Meister der ersten (und langen) Sätze ist, sondern sie stehen auch exemplarisch für das 12 Bücher umfassende Werk von Arno Camenisch. Und dafür, weshalb er einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist. Denn Arno Camenisch schreibt mit viel (Sprach-)Witz, mit einem ganz eigenen Rhythmus und mit einer grossen Melodiosität und Leichtigkeit, durch die er in seinen Geschichten eine Atmosphäre schafft, die mich regelmässig komplett in die Handlung versinken lässt. Sei es in das Leben auf der Alp in «Sez Ner», in die Dorfbeiz in «Ustrinkata», an die Skilift-Station in «Der letzte Schnee», in das Schulhaus in «Herr Anselm» oder an die Tankstelle in «Goldene Jahre».

Die Aufzählung dieser Buchtitel zeigt: Arno Camenisch greift bei seinen Themen sehr stark auf die Erinnerung an seine Vergangenheit, an seine Herkunft zurück. Für mich ist er deshalb – er würde den Ausdruck vermutlich hassen, aber er ist nur positiv gemeint – eine Art moderner «Heimatschriftsteller», weil er es in seinen Büchern schafft, ein dörfliches Leben, das heute an einigen Orten noch existiert, aber immer mehr vom Aussterben bedroht ist, präzise und liebevoll zu dokumentieren. Es ist auch nicht verwunderlich, dass mich diverse Stellen immer wieder an meine eigene Vergangenheit, an meine eigenen Grosseltern erinnern lässt – beispielsweise diese aus seinem letzten Buch «Der Schatten über dem Dorf»:

«Nach dem Zwischenfall am Flughafen in Zürich, als der Grossvater mehrmals durch die Kontrolle musste, weil es piepste und er schliesslich das Zigarettenpäckchen aus der Tschopentasche nehmen musste, was die Grossmutter sah, wo sie doch meinte, der Grossvater habe bereits seit Jahren mit dem Rauchen aufgehört, und daraufhin bis Amsterdam nicht mit ihm redete, verlief die Reise gut»

Sowieso das letzte Buch «Der Schatten über dem Dorf», dass von einer schlimmen Tragödie in einem Graubündner Dorf handelt: In diesem tollen neuen Werk behält Camenisch all seine erzählerischen Qualitäten bei – die Leichtigkeit, den Rhythmus, den Humor. Es hat aber gleichzeitig eine Ernsthaftigkeit, die dieses Buch für mich noch wertvoller macht.

Arno Camenisch liest am Donnerstag, 2. September 2021 auf Einladung der Stadtbibliothek im stattkino aus «Der Schatten über dem Dorf».

Musikalisch begleitet wird er vom absolut grossartigen Roman Nowka. Wir freuen uns!

Integration in der Schweiz – vier autobiographisch geprägte Romane

Und jährlich grüsst das Murmeltier: Spielt die Schweizer Nationalmannschaft wieder einmal schlechter – wie das in den ersten EM-Spielen gegen Wales und Italien der Fall gewesen sein mag – gibt es Gesprächsstoff: und der dreht sich verlässlich auch immer wieder um die Secondos und ihr Verhalten. Sache Batthyany hat das gestörte Verhältnis zur Nati in einem Artikel in der NZZ am Sonntag analysiert. Darin schreibt er unter anderem:

«Wie sehr Einwandererkinder zu Projektionsflächen werden, ist vielen Schweizern nicht bewusst. Secondos werden zwar in der Regel mit offenen Armen begrüsst, stehen aber ihr Leben lang unter dem Zwang, dankbar sein zu müssen, hier leben zu dürfen. Diese Dankbarkeit gilt es abzustottern wie eine ewige Hypothek.»

Dieser Absatz hat mich an das wunderbare Buch von Irena Brežná «Die undankbare Fremde» (KiWi, 2012) erinnert. In diesem autobiographisch geprägten Roman schildert die Ich-Erzählerin ihre Immigrationsgeschichte, die anfangs von Widerstand, Aufmüpfigkeit, Rebellion und Unverständnis geprägt ist:

«Ich kam nicht hierher, um zu schweigen. Tolerant wie die Gäste waren, gewährten sie mir kurze Redefreiheit, aber statt über meine Geschichten zu staunen, zerhackten sie sie mit praktischen Lösungen. Sie wollten die Welt lösen, ich wollte sie bloss erzählen». (S. 29)

Im Verlaufe der Geschichte lernt sie immer mehr mit dem Spannungsfeld zwischen der Fremde, die zur Heimat wird, und der ursprünglichen Kultur umzugehen und sich darin zurecht zu finden:

«Dort irgendwo zwischen den Welten, ist ein Platz für mich. Er wurde nicht für mich reserviert, ich habe ihn mir errungen» (S. 131)

«Die undankbare Fremde» ist eine absolute Leseempfehlung, wenn man sich mit dem Alltag von Migrant*innen in der Schweiz beschäftigen will – aber längst nicht die Einzige. Es ist im Gegenteil bemerkenswert, wie viele Autor*innen mit Migrationshintergrund in der Schweiz fiktional, aber von der eigenen Biographie geprägt, darüber schreiben. Eine sehr subjektive Auswahl:

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf (Wien, 2010)

Meral Kureyshi: Elefanten im Garten (Zürich, 2015) (im BVL auch als E-Book vorhanden):

Samira El-Maawi: In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel (Basel, 2020)

El-Maawi betont dabei in einem ihrer ersten Abschnitte, das Integration eben nicht ein- sondern gegenseitig verläuft, wenn sie schreibt:

«Mein Vater riss seine Wurzeln in Sansibar heraus und pflanzte sie wieder in der Schweiz ein. Hier kann er weiterwachsen. „Langsam aber sicher verwurzelt er sich“, meint meine Mutter. „Wie lange geht es denn, bis sich eine Pflanze ganz verwurzelt?“, frage ich sie. „Das kommt auf die Pflanze drauf an.“ „Und auf die Erde“, fügt meine Schwester hinzu.» (S. 9)

Alle vier Bücher kreisen um Fragen von Heimat und Wurzeln, von Neuanfang und Integration, von Zerrissenheit und Anpassung – und geben einen vielfältigen Einblick in das Leben von Migrant*innn in der Schweiz

Schweizer Vorlesetag

Am 26. Mai findet zum vierten Mal der Schweizer Vorlesetag statt, der vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) initiiert wurde. Die Bedeutung der Vorlesen ist gross, wie das SIKJM auch auf seiner Website schreibt:

«Vorlesen ist ein wunderbares, gemeinschaftliches Erlebnis, das Kindern erste Begegnungen mit der Welt der Literatur ermöglicht. Regelmässiges Vorlesen unterstützt Kinder aber auch in ihrer Entwicklung. Kinder, denen täglich vorgelesen wird, verfügen über einen grösseren Wortschatz und lernen leichter lesen und schreiben als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung. Sie entwickeln einen positiven Bezug zum Lesen und greifen später mit mehr Freude zu Büchern, Zeitungen oder E-Books und haben somit auch bessere Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg.»

Auch die Stadtbibliothek Luzern und die Bibliothek Ruopigen beteiligen sich dieses Jahr wieder mit einer speziellen Aktion: die sechs Zentralschweizer Autor*innen Vera Eggermann, Anna Chudozilov, Christine Weber, Carlo Meier, Erika Frey Timillero und Niko Stoifberg haben für unterschiedliche Altersgruppen und exklusiv für den Luzerner Vorlesetag Kurzgeschichten geschrieben, die Sie sich noch bis zum 24. Mai nach Hause bestellen können und die am Vorlesetag auch in der Stadt Luzern verteilt werden. Alle Informationen auf www.bvl.ch/vorlesetag

Willkemmon in Spracheland!

Im Bann des Eichelhechts und andere Geschichten aus dem Sprachenland / Axel Hacke – München : Antje Kunstmann, 2021

«Wortspiele, Scherzgedichte und Sprachspiele sind die poetische Form von literarischem Unsinn» (Quelle)

So steht es unter anderem im Internet, wenn nach Sprachwitz gegoogelt wird. Doch welcher Autor kann dem Unsinn mehr Sinn verleihen als Axel Hacke.

In seinem neuesten Werk «Im Bann des Eichelhechts» nimmt Sie Axel Hacke mit ins «Sprachland, das einzige Land, das ausschliesslich aus Sprache besteht, in dem die Zeit in Verwöhnminuten gemessen wird, die Menschen in Schlafanfallbüros arbeiten und sich Eichelhechts und Aschenpudel Gute Nacht sagen».

Oder hätten Sie etwa gedacht, dass es Länder gibt, die auch Sprachen für ausländische Touristen halten? In Rom, am Eingang zu den Katakomben, stand folgendes auf einem Schild:

Pelase wait until you are called by loudspeaker

Bitte warten, die deutsche Sprache wird aufgerufen

Axel Hacke versteht es vortrefflich, Wortverdrehungen, Missverständnisse oder eben Übersetzungsfehler auf Menükarten, Infoschildern, Gebrauchsanleitungen und Inseraten aufzuspüren und ihnen seine ganz eigene Poesie einzuhauchen.

Deshalb der nächste Reisetipp für Sie: Packen Sie dieses Buch und reisen Sie ins Sprachland – ganz ohne Impfpass, PCR-Test oder Quarantäne. Aber Vorsicht! Sie riskieren, sich einen Lach- oder Schmunzelvirus einzufangen.

Digitaler Nachrichtentest

Wir werden mit einer riesigen Fülle von Nachrichten konfrontiert. Newsportale, Social Media oder eine Google-Suche öffnen uns ein Meer an Informationen. Aber was ist vertrauenswürdig, eine geprüfte Nachricht? Was ist Werbung, was Falschmeldung? Um das zu erkennen, braucht es bestimmte Fähigkeiten.

Die Stiftung Neue Verantwortung hat einen lohnendwerten Test entwickelt, bei dem mit 24 Fragen aus 5 Kategorien der Umgang mit digitalen Informationen geprüft wird.

Ich hab’s auf 24 von 30 Punkten geschafft – und Sie?

www.der-newstest.de

Internationaler Tag gegen Rassismus

Zum Internationalen Tag gegen Rassismus, der jeweils am 21. März begangen wird, präsentieren wir eine Auswahl von Büchern zum Thema. Im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung gab es in den letzten Jahren sehr viele und ausgezeichnete Neuerscheinungen.

Darunter vor allem Berichte von Betroffenen, die von Rassismus in ihrem Alltag berichten. Besonders eindrücklich und augenöffnend finde ich #BLACK LIVES MATTER von Patrisse Khan-Cullors.

Aber auch die Bücher von Alice Hasters, Reni Eddo-Lodge oder Ijeoma Oluo sind absolut lesenswert, geben einen Einblick, wie Schwarze Personen Alltagsrassismus erleben und regen zum Nachdenken über das eigene Verhalten an.

Nebst einer ganzen Anzahl Sachmedien und autobiographischer Bücher sind auch viele Romane neu erschienen, resp. erstmals oder neu übersetzt worden. Besonders hervorzuheben: bei den Übersetzungen die Klassiker von Toni Morrison, Maya Angelou oder James Baldwin. Bei den Neuerscheinungen In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel der Schweizer Autorin Samira El-Maawi oder Die Strasse von Ann Petry.

Mehr Medien zum Thema Rassismus hier

Was auf die Ohren!

«Luftpiraten» von Markus Orths
Ungekürzte Lesung mit Axel Prahl, ca. 5h 47min

Axel Prahl liest Markus Orths’ Luftpiraten. 

Nein!

Axel Prahl tobt, zetert, wettert, schreit, brüllt, zürnt und lärmt Markus Orths’ Luftpiraten. 

Unbeschreiblich inbrünstig, ergreifend, vergnüglich und mit einer beeindruckenden Stimmenpalette.

In Windeseile zieht er einen hinein in diese abenteuerlichen Sphären weit oberhalb der Wolken, diesen Angst-Kühen, bis in die Welt der Luftlöcher bewohnenden, grauhäutigen und stets übelst gelaunten Luftpiraten.

Denen kommt völlig unvorhergesehen ein weisses Luftpiratenkind unter, das mit seiner stoischen Gutlaunigkeit das Universum dieser einzelgängerischen und streitsüchtigen Griesgrame gehörig durcheinanderwirbelt. 

Eine fantastisch ersonnene Geschichte, wunderbar vorgetragen.
Allerallerbeste Unterhaltung von Anfang bis zum Schluss. 
Repeat. Unbedingt.

Und also eine dringende Hör- und auch Leseempfehlung für Klein und Gross.
Lassen Sie sich mal wieder etwas so richtig um die Ohren hauen!