Der Zauber des Waldes

Das Schönste

Ich flüchte

in dein Zauberzelt

Liebe

im atmenden Wald

wo Grasspitzen

sich verneigen

weil

es nichts Schöneres gibt.

Immer wieder zieht es uns in den Wald – wunderbar beschrieben in diesem Gedicht von Rose Ausländer, welches die Liebe zu einem anderen Menschen, aber auch die Verbundenheit zum Wald beschreiben kann. Ganz besonders im Herbst, wenn die Bäume zu leuchten beginnen, weil sich die Blätter verfärben, bis sie schlussendlich fortwährend zu Boden fallen, nehmen wir den Wald intensiv wahr. Dann werden bunte Schätze gesammelt und raschelnde Blättermeere durchquert. Aber auch die restlichen Jahreszeiten spiegeln sich – zumindest in unseren Breitengraden – deutlich in den Wäldern. Sie sind für uns von zentraler Bedeutung, sei es als Lebensraum, Erholungsgebiet, ökologisch, ökonomisch, kulturell… die Liste ist lang.

Dass der Wald so vielseitig ist, zeigt Linda Wolfsgruber in „Die kleine Waldfibel“, einem wunderschön gestalteten kleinen Handbuch (2020 im Kunstanstifter Verlag erschienen), in dem auch das obenstehende Gedicht zu finden ist.

Tatsächlich ist es eines der schönsten Bücher, das ich seit langem in den Händen gehalten habe und deshalb eine absolute Empfehlung! Bereits in der Umschlaggestaltung wird der Wald haptisch erfahrbar, denn dieser fühlt sich an, als wäre er aus Holz gefertigt. Ohne Inhaltsverzeichnis navigiert das Buch dann durch die vier Jahreszeiten, wobei der Wald in all seinen Facetten präsentiert wird: Wir erfahren botanische Details wie z.B. die Verschiedenheit der Baumwurzeln, lesen Wald-Gedichte, lassen uns von Rezepten für Waldfrüchtetee, Brennnesselaufstrich oder der Anleitung für ein Insektenhotel inspirieren und schwelgen in den hinreissenden Illustrationen. Mein persönliches Highlight sind die Zeichnungen der Bäume wie Linde oder Rotbuche, welche sich durch das Wenden einer Seite aus milchweissem Transparentpapier von blätterreichen in blätterlose Darstellungen verwandeln.

Bei uns steht das Buch zwar bei den Sachbüchern für Kinder, aber es ist definitiv eines, welches Klein und Gross faszinieren kann.

In Österreich gewann es den „Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2021“ und es ist ausserdem nominiert für das „Beste Wissenschaftsbuch des Jahres 2021“.

In der Kürze liegt die Würze – Kurzgeschichten

Ja, kurz sind sie! Und sehr gut gewürzt! Manchmal etwas scharf und pikant aber auf jeden Fall immer aromatisch – die Rede ist von Kurzgeschichten – auch unter dem englischen Begriff Short Stories bekannt.

Der weltberühmte Autor Edgar Allan Poe (1809-1849) gilt als Mitbegründer dieser literarischen Form und die kanadische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro wird zu Recht als zeitgenössische Meisterin der Kurzgeschichte gefeiert. Mehr als 150 Short Stories hat sie geschrieben.

Zum ersten Mal richtig zum Kurzgeschichten-Fan wurde ich durch Patricia Highsmiths Stories als junge Erwachsene. Ach, wie liebte ich diese Mischung aus Krimi, Psychografie und schwarzem Humor, der den Briten so eigen ist.

Dann wurde es «kurzgeschichtig» still und es zog mich mehr zu den Romanen hin. Die sind halt einfach so vorhersehbar, entspannend trotz des Umfangs und garantiert mit (Happy-)End. Also so gar nicht verdichtet, beschleunigt, überraschend und mit offenem Ausgang, wie das Kurzgeschichten so an sich haben.

Aber jetzt hat es mich wieder gepackt! Nicht zuletzt dank der Veranstaltungsreihe «Shared Reading – Miteinander lesen». Als ausgebildeter Facilitator darf ich zusammen mit meiner Kollegin zweiwöchentlich dieses wunderbare Format moderieren, wo Kurzgeschichten im Zentrum stehen, die laut gelesen, besprochen, interpretiert und gewürdigt werden wollen – und das auf einer ganz persönlichen Ebene, ohne Literaturkritik zu betreiben.

Wussten Sie, dass die Stadtbibliothek Luzern einen Fundus an Kurzgeschichten, Short Stories, Erzählungen besitzt?  Ein paar Schweizer Autor*innen seien an dieser Stelle genannt: Peter Stamm, Benedict Wells, Alex Capus, Anna Ruchat, Peter Bichsel, Pedro Lenz und jetzt aktuell

die neusten Geschichten von Franz Hohler mit dem Titel «Der Enkeltrick».

«Es sind die unscheinbaren Risse im alltäglichen Gefüge, von denen Franz Hohler so meisterhaft erzählt – jede seiner Geschichten ein kleines Wunder, das den Blick auf das Leben reicher macht»!

Laurent & Max: Da gibt’s was auf die Ohren

Bei mir sind es einige Jahre her, seit Mundart-Kinderlieder durchs Haus schallten, aber ich erinnere mich noch gut daran, dass die Liedli für mich nicht immer ein musikalischer Hochgenuss waren. Es gab zwar Bands wie Schtärneföifi, die auch mich begeisterten, aber das waren eher Ausnahmen – oft war mehr «Ohren zu und durch» angesagt ….

Jetzt habe ich aber die jungen Musiker Laurent & Max (Laurent Aeberli und Max Kämmerling) entdeckt, die wirklich tolle Mundart-Songs für Kinder machen. Ihr Rezept: Sie nehmen beliebte Melodien aus dem Rock/Pop-Bereich und dichten neue, kindertaugliche Mundart-Texte dazu, die auch von der Phonetik her sehr gut passen. Das Spezielle daran: Es gelingt ihnen mühelos, die Covers zu ihren eigenen Songs zu machen.

In ihrem Repertoire sind sowohl Klassiker wie «Satisfaction» von den Rolling Stones als auch neuere Hits. Beispiele gefällig? Aus «Born to be wild» wird «S’ Mami hät gseit», aus «Mamma Mia» der Fussballsong «Lan en ine», aus «We will rock you» wird «Mer wänd Schoggi» und aus «Laura non c’e» wird «Lauwarme Tee», sozusagen der Soundtrack zur Grippesaison. Sehr schön auch «No woman no cry», das bei den beiden jungen Musikern zu «Ich wott noni hei» wird.

Die Texte sind manchmal witzig (aus «Wrecking Ball» von Miley Cyrus wir lustigerweise «S’Miley wott i Badi gah» …) und manchmal nachdenklich, aber immer sehr kindgerecht.

Mein Favorit: der Kult-Hit «079» von Lo & Leduc (im Original ja ebenfalls mundart) wird umgewandelt in «Nur bes am 9i» – ein Lied über das Elend ins Bett zu müssen, obwohl doch noch so viel zu tun wäre und die Lego-Burg auch noch nicht fertig ist.

Die Songs von Laurent & Max sind ein Hörgenuss für die ganze Familie – sie verursachen auch bei Mami und Papi garantiert keine Ohrenschmerzen.

Vorlesespass für Klein und Gross

Klara Klein – Am liebsten wär’ ich ein Riese

Klara Klein ist fünf Jahre alt und somit schon gross. Mit Kindermut und Lebenslust macht sie sich auf, die Welt zu erkunden. Nur von ihrer Familie bekommt sie immerfort zu hören «Ach Klara, dafür bist du noch zu klein». Ja stimmt schon, wenn selbst der Familienhund Bruno grösser ist als Klara. Nur Kater Karl ist kleiner als sie, aber welches Mädchen ist schon kleiner als eine Katze? Ein klarer Fall: Klara muss schnellstens grösser werden. Und sie tut allerhand Mutiges um zu wachsen. Aber auch wenn sie sich mit baumelnden Füssen an den Walnussbaum im Garten hängt, bis sie ganz langgestreckt ist, sie wird trotzdem nicht grösser. Pfiffig und einfallsreich wie sie ist, lässt sie sich davon nicht aufhalten und schliesslich gibt es viele verschiedene Arten zu wachsen. Die humorvolle Geschichte um die liebenswerte und aufgeweckte Klara entwickelt sich zu einem absoluten Vorlesevergnügen für Gross und Klein.

Patrick Maria Bienstein
Bohn Maja (Illustrationen)

Magellan, 2021, 978-3-7348-2865-2

Lieblingsautor*innen (II): Roger Willemsen

«Wer glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?» Diese Frage stellt sich Roger Willemsen, als er vom Interviewer Juri Steiner in einer Sternstunde Philosophie gebeten wird, sich selber einer Frage zu stellen. Und die Antwort sagt in einem Wort schon vieles über Roger Willemsen und sein Werk und weshalb ich in so mag: «Ein Entflammter».

Denn dieses Feuer, diese Leidenschaft für Menschen, für die Gesellschaft zieht sich durch sein gesamtes Werk. Gepaart mit seiner ethnographischen Beobachtungsgabe und seinem brillanten Intellekt werden seine Bücher dadurch zu einem Kaleidoskop, das mir die Welt in unterschiedlichsten Facetten sichtbar macht, soziale Entwicklungen benennt, Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt.

So beispielsweise in «Deutschlandreise», das 1994 erschien und für das Willemsen monatelang durch die Republik fuhr, mit unzähligen Leuten spricht, noch viel «unzähligere» Leute beobachtet und die Erkenntnisse und Beobachtungen immer wieder einordnet. Beispielsweise an dieser Stelle

«Er blickt aus dem Fenster mit dem Behagen eines Mannes, der auch gerne Eisläuferinnen stürzen sieht. Jetzt hat er zufrieden einen Zigarillo aus dem Silberetui in der Brusttasche gezogen, dabei zwei rote Hosenträger entblösst, die Krawatte samt Spange mit der in Silber gesägten Skyline von Köln glatt gezogen, als müsse er den vorbeiziehenden Forst in Klafter Holz umrechnen. „Es gibt Menschen“, steht in Hebbels Tagebuch, „die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.“ Zieht einen Flunsch, als der Schaffner kommt und sein Ticket sehen möchte. Das ist unter seiner Würde. Isst sein Brötchen aus der Papiertüte, zweimal bleibt der gezackte Papierrand zwischen den Zähnen hängen. Seine kleinen Ohren sind feuerrot. Er könnte kaum lächerlicher sein, wenn er mit Hüfthaltern dasässe. Es ist eine Welt, in der man zwischen „Freiheit“ und „Freizeit“ nicht unterscheiden kann, „Gesellschaft“ sagt und „Zielgruppe“ meint, von einem „Konzept“ spricht und nicht einmal eine „Idee“ besitzt, von einer „Idee“ spricht und nicht einmal einen Einfall hat. Lauter Urteile, aber keine Begriffe. Alles haltlos, alles schwankend, doch könnte mein Gegenüber nicht selbstbewusster sein. Wer bringt ihm schonend bei, das selbst das Nichts physikalisch instabil ist?» (Deutschlandreise (1994), S. 68f)

Seine Reisen führten in aber meist viel weiter weg. In «Die Enden der Welt» (2010) versammelt er Geschichten und Erzählungen aus fünf Erdteilen und lässt einem mit seiner bildhaften Sprache fast physisch an den Erlebnissen teilhaben.

Eine Herzensangelegenheit war im Afghanistan. Er engagierte sich nicht nur sehr stark in Projekten, sondern bereiste das Land regelmässig. Daraus entstanden verschiedene Werke: «Afghanische Reise» (2006), «Hier spricht Guantánamo: Roger Willemsen interviewt Ex-Häftling» (2006) oder «Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und die Welt» (2013).

Man würde Roger Willemsen jedoch nicht gerecht werden, wenn man sein Werk auf die Reisen zu reduzieren versuchte: Denn natürlich ist sein Themenspektrum, die er in 36 Büchern, unzähligen Artikeln, Reden, Drehbüchern und in über 2000 Interviews abhandelt unendlich breit. Meine Favoriten daraus sind: «Der Knacks» (2008), in dem er sich – auch autobiographisch – mit dem Scheitern, mit Brüchen, Niederlagen, Enttäuschung und Verlust beschäftigt; «Das Hohe Haus», für welches er ein Jahr lang alle Sessionen des Deutschen Bundestages besucht, um herauszufinden, ob die Volksvertreter*innen tatsächlich das Volk vertreten und wie sie das tun; und dann vor allem «Wer wir waren». Willemsen arbeitete an dieser Gesellschaftsanalyse, bis er 2015 die Krebsidagnose erhielt und daraufhin das Schreiben einstellte. Ein Buch unter diesem Titel erschien dann 2016 trotzdem. Es ist eine überarbeitete Fassung einer Zukunftsrede, die Willemsen 2015 hielt. Es ist eine Tragödie, dass das geplante Buch nicht mehr erscheinen konnte; gleichzeitig aber auch ein Geschenk, dass die Rede veröffentlicht wurde, denn kaum einer seziert die Gesellschaft so genau aber auch so schön wie Willemsen:

«Nicht nur ermöglichen wir unseren Arbeitgebern schrittweise die restlose Verfügung über unsere Person durch schrankenlose Erreichbarkeit, über unsere Lebensführung durch Übermittlung unserer Gesundheitsdaten, über Identifikationen, die Sektenstrukturen haben und Persönlichkeitsrechte kränken, wir leiden sogar unter „Freizeitstress“, übersetzen unser Tun in Kosten-Nutzen-Kalkulationen, sind Spezialisten für Dinge, die einmal der Effizienz entzogen waren: Freizeit, Faulheit, Prokrastination, Selbstversenkung, Trauer, alles wird Wissenschaft, wird Kompetenz, wird Arbeit. Etwas zu erarbeiten ist die Erholung. Die Arbeit, werden wir schliesslich sagen können, war unsere Metapher, das Medium, das uns vor der Betrachtung der Existenzfragen, vor der Sichtung der Bedrohungen, vor dem Protest und der Ohnmacht bewahrte, und manchmal wachten wir auf, mitten in einer grossen Stadt, wo der Coca-Cola-Spot laut von den Videowänden schallte, so dass sich der Schrei der Möwen dagegen kaum behaupten konnte, und fragten: Warum? Wie weiter? Alte Fragen, an denen wir zuerst wahrnehmen, dass sie alt waren und dass sie weichen würden, dem Coca-Cola-Spot und seinem Crescendo der in der Brause jauchzenden Lebensfreude, die perlt und schäumt, wie wir es tun, wenn wir die Protagonisten eines Werbespots sein wollen oder uns so fühlen dürfen. Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse. Von der Macht der Verhältnisse in die Entmündigung durch Dinge, denen wir Namen gaben wie „System“, „Ordnung“, „Marktsituation“, „Wettbewerbsfähigkeit“. Ihnen zu genügen nannten wir „Realismus“ oder „politische Vernunft“. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht. Denn unser Kapitulieren war auch ein „Mit-der-Zeit-Gehen“.» (Wer wir waren (2016), S. 50ff)

Roger Willemsen starb im Februar 2016 an Krebs.

Werke von Roger Willemsen im BVL

Juhuu – Hasenkind ist wieder da!

Hasenkind, flieg!
© Jörg Mühle, Moritz Verlag, 2021

Jörg Mühle hat mit seinem „Hasenkind“ eine wunderbar sympathische Figur erschaffen. Nun ist im August dieses Jahres ein weiterer Band mit dem Hasenkind im Moritz Verlag erschienen. Nach den Geschichten zum Einschlafen, Baden oder Trösten hat Hasenkind wieder allerlei vor: „Gugus-Dada“ spielen, wild hin- und herschaukeln oder ganz frech die Zunge heraus strecken sind diesmal im Angebot – Spass für Gross und Klein garantiert!

Die witzigen, klaren Bilder passen wunderbar in die Welt der ganz kleinen Kinder und eignen sich prächtig, das Buch gemeinsam zu betrachten und mitzuspielen. Auch Bär „Dudu“ gefällt dieses Buch. Er und das Hasenkind wirken deshalb jeweils mittwochs im September bei den Buchstart-Veranstaltungen in der Stadtbibliothek Luzern mit.

Eine Vers-Kostprobe zum Mitschaukeln:

Es Schaukel-Schaukel-Schaukel-Chind,

schauklet, schauklet wie de Wind.

Hin und här wie de Wind,

schauklet üses Schaukel-Chind.

(Vers abgeändert aus: Das Tri-Tra-Trampeltier /Beltz & Gelberg, 2017)

Weitere Bücher mit dem Hasenkind von Jörg Mühle sind im Moritz Verlag erschienen und in der Stadtbibliothek Luzern zur Ausleihe (auch in Englisch) erhältlich:

> Nur noch kurz die Ohren kraulen
> Badetag für Hasenkind
> Tupfst du noch die Tränen ab?

Comic-Verlage, die unseren Bestand bereichern!

In unserem Bestand sind viele unterschiedliche Comic-Verlage vertreten! Drei davon sind mir dieses Jahr besonders ins Auge gestochen, da sie alle ein Jubiläum zu feiern haben und zudem ausgezeichnet wurden!

«Edition Moderne», der einzige Comic-Verlag der Deutschschweiz, wurde durch den Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband SBVV und die Leserschaft als «Verlag des Jahres 2021» gekürt! Wir gratulieren!

Seit 1981 frönt das Unternehmen der Herausgabe der «Neunten Kunst» und ist somit schon 40 Jahre im Geschäft! Auch wir bieten eine Titelauswahl aus der «Edition-Moderne-Welt» an! Die betreffenden Autor*innen nehmen uns in ihre spannende, interessante und zuweilen ulkige Comic-Welt mit. Unsere neueste Erwerbung ist «Cheese» von Zuzu. Das Werk der Verfasserin ist für die «Hotlist 21» nominiert. Diese Liste beinhaltet vorgeschlagene Bücher des aktuellen Jahres aus unabhängigen Verlagen. Also, vorbeikommen, ausleihen und lesen!

Ebenfalls neu erschienen ist die Nestor-Burma-Reihe als Gesamtausgabe. Für Fans und solche, die es werden wollen: «Burma» von Malet und Tardi.

Wer Titel des Reprodukt-Verlags sucht, wird bei uns ebenfalls fündig! Der Verlag feiert nicht nur seinen 30. Geburtstag, sondern auch den Erhalt des Deutschen Verlagspreises 2021!

Unsere neuesten Errungenschaften: «Akissi – Magische Mixtur» von Marguerite Abouet und «Mangaka» von Shigeru Mizuki.

Der deutsche Avant-Verlag wurde letztes Jahr ebenfalls mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet! Im 2021 feiert er sein 20-jähriges Bestehen!

Joann Sfar ist einer der bekannten Autoren im Avant-Universum, ebenso wie die einflussreiche, feministische Comiczeichnerin Liv Strömquist!

Welche Werke ihr bevorzugt, ist eurem Interesse überlassen!

Kommt vorbei, lasst euch von unserem Comic-Bestand inspirieren und taucht in diese Bild-/Text-Welten ein! Es wird sich lohnen!

Chaos der Gefühle

Drei beleidigte Chamäleons sitzen auf einem Baum und verschränken demonstrativ die Arme, ein Hamster, dem die Einsamkeit wortwörtlich ins Gesicht geschrieben steht, ein Igel, dessen ganzer Körper Verlegenheit ausdrückt oder eine genervte Eule in Grossaufnahme. Das alles findet man im Buch Da sein. Was fühlst du?, einem neuen Werk der fabelhaften Schweizer Kinderbuchillustratorin Kathrin Schärer. Schärer setzt darin die unterschiedlichsten Emotionen anhand von liebevoll gezeichneten Tierfiguren besonders eindrücklich in Szene.

Diese verflixten Gefühle gehören schon früh zu einem wichtigen Bestandteil der Lebenswelt eines Kindes, und oft gleicht das Erleben einer regelrechten Achterbahnfahrt. In Windeseile wechselt es von vergnügt zu zornig, von traurig zu fröhlich usw. Zunächst können diese Emotionen noch überhaupt nicht eingeordnet geschweige denn benannt werden – der Umgang damit will geübt sein!

Schärers Buch ist für Kinder ab drei Jahren konzipiert. Durch die Betrachtung dieser ganz unterschiedlichen Szenerien und im dazugehörigen Austausch darüber, werden erste Gefühlszustände wiedererkannt und unterschieden und mit den passenden Worten verbunden.

Die Auswahl von drei weiteren Medien – alle sind im Bestand der Stadtbibliothek Luzern – eignet sich ebenfalls bestens für die Auseinandersetzung mit Gefühlen, um sich selbst und andere besser zu verstehen.

Für die ganz Kleinen: Fratzekatze Die Katze macht eine Fratze! Einmal ist sie wütend, dann wieder vergnügt, erschrocken, traurig oder müde… Dieses Buch von Martina Badstuber eignet sich hervorragend für die Kleinsten ab ca. zwei Jahren.

Der Klassiker: Heute bin ich In wunderbar ausdrucksstarken Bildern, bei denen Farben gezielt zum Einsatz kommen, nimmt einen die bekannte Illustratorin Mies van Hout mit auf eine wahre Gefühlsreise. Das Buch wurde 2013 nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis und ist empfehlenswert für Kinder ab ca. drei Jahren.

Zum Hören: Kater Mats und sini komische Gfüehl am Geburtstag Kater Mats hat bald Geburtstag und zu einer Party eingeladen. Als er erfährt, dass auch der Hund Waffel zu Besuch kommt, verliert er allen Mut. In der Zeit bis zum Fest durchlebt er die unterschiedlichsten Gefühle wie Vorfreude, Ungeduld, Angst und Mut. Eingängige Lieder ergänzen die Geschichte musikalisch. Das Hörbuch ist ideal für Kinder ab dem Vorschulalter.

Queer durch unsere Literatur

Es gibt sie! Und zum Glück gibt es sie immer mehr:

Queere Romane, die von frei gewählten Identitäten und Liebesbeziehungen handeln und deren Protagonist*innen, mit ihren unterschiedlichsten Lebensweisen und Kulturen, abseits von traditionellen Rollen und konventionellen Vorstellungen, auf wunderbare Weise die Diversität der Menschen abbilden.

Vielfach handeln die Geschichten von Vorurteilen, schmerzlichen Erlebnissen, Ausgrenzung und eigener Zerrissenheit und machen so auch auf gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Konflikte aufmerksam.

Eindrücklich illustriert dies der Debütroman «Die jüngste Tochter» von Fatima Daas, ausgezeichnet mit dem Internationalen Literaturpreis 2021.

Die Autorin beschreibt in ihrem autofiktionalen Roman den Konflikt einer jungen Frau namens Fatima, die einerseits als gläubige und praktizierende Muslimin in einem Vorort von Paris mit ihrer algerischen Familie lebt und andererseits als unabhängige, rebellische und unverheiratete Französin eine Frau liebt. Der Zwiespalt zwischen Glauben und sexuellen Präferenzen, Familie und eigener Identität wird von Fatima Daas in markanter, eindringlicher Sprache beschrieben. Ein beeindruckendes Debüt, das gehört und gelesen werden will. Passend dazu der in Grün gehaltene Einband des Claassen Verlags: Grün – die Farbe der Hoffnung und des Islam!

Es gibt aber immer mehr auch «entdramatisierte» Romane, die lustvoll, witzig und einfach «stinknormal» queere Themen angehen.

Jüngstes Beispiel ist der Debüt-Roman von Bernardine Evaristo «Mädchen, Frau etc.», ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2019.

Anhand von zwölf Women of Color-Geschichten im multikulturellen London, jenseits von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, gelingt es der Autorin, mit Witz, swingendem Stil, wertfrei und „entmoralisierend“ das grosse Thema des Zusammenlebens, gegenseitigen Respektierens in der heutigen Zeit zu skizzieren. Ihr ungewöhnlicher Schreibstil ohne Punkt am Satzende ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, begeistert das Buch und bringt die verschiedenen Geschichten wunderbar auf den Punkt.

Und last but not least:

Queere Geschichten sind immer mehr auch in den Regalen des Kinder- und Jugendbereiches anzutreffen und leisten einen wichtigen Beitrag, gerade Kinder und Jugendliche darin zu bestärken, sich so anzunehmen und zu lieben, wie sie wirklich sind! Zwei wunderbare Bilderbücher hier zur Empfehlung:

«Mein Schatten ist Pink» von Scott Stuart und «Wau Wau Miau!» von Blanca Lacasa.

Auf eine bunte Welt ohne Vorurteile!!!

eine reise des lebens – unterwegs auf dem „salzpfad“

Ich liebe Krimis! Sie sind meine bevorzugte und häufigste Lektüre. Weshalb, kann ich mir selber nicht recht erklären; vielleicht im Wissen, dass all das Schlechte und Böse ein gutes Ende findet? Nichtsdestotrotz: Auch in unserem übrigen Sortiment gibt es viele lesens- (oder hörens- und sehens)-werte Trouvaillen. Und eine solche Perle ist mir kürzlich in die Hände gekommen und hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann gezogen. Das echte Leben schreibt halt doch immer wieder beeindruckende Geschichten.

Deshalb nehme ich Sie heute mit auf eine Wanderung. Das heisst, nicht nur heute, nicht nur ein paar Stunden – es handelt sich auch nicht um eine Zwei- oder Drei-Tages-Tour; nein, wir werden gleich mehrere Monate auf Schusters Rappen unterwegs sein.

Es ist dies die Geschichte, die Wanderung von Raynor und Moth Winn. Das Paar mittleren Alters verliert, praktisch von einem Tag auf den anderen, ihre Farm in Wales, und damit sowohl das über Jahrzehnte lieb gewonnene Dach über dem Kopf als auch die Existenzgrundlage; die Ersparnisse – diese sind für Anwälte und Prozesskosten verschwunden; und obendrein auch noch Moth‘ Gesundheit, in Form einer unheilbaren neuro-degenerativen Erkrankung.

Aus dieser Not heraus, mit einem Budget von 50 Euro pro Woche und entgegen den Rat seiner Ärzte („Vermeiden Sie Anstrengungen, laufen Sie keine zu weiten Strecken!“), begeben sich Ray und Moth auf den „Salzpfad“. Dieser rund 1000 Kilometer lange, wilde Wanderweg entlang der englischen Südwestküste, ursprünglich geschaffen, um Schmuggler aufzuspüren, wird während Monaten zu ihrem neuen Zuhause, ein Zelt zu ihrem Obdach, Mahlzeiten aus der Dose zu ihrem Standard-Menu. Ein Abenteuer, im Einklang mit der rauen, freien Natur, aber auch ein Ringen gegen die Gewalt der Elemente, gegen Wind und Wetter, Hunger und Moth‘ Krankheit; ein Kampf ums Überleben mit dem Allernötigsten, eine Reise an die eigenen Grenzen, aber auch zu sich selber und im Glück, einander zu haben. Erstaunlich vor allem Moth‘ körperliche Entwicklung: Je länger die beiden unterwegs sind, desto besserer Verfassung erfreut er sich. Die frische Luft, die Bewegung, die Wärme tun ihm gut (Kälte und Nässe allerdings weniger), lindern seine Schmerzen und die Symptome seiner Krankheit und strafen damit alle ärztlichen Prognosen Lügen – wenn auch nur vorübergehend.

Nicht nur die Natur, sondern auch Menschen prägen ihren Weg. Ray und Moth ernten Interesse und Wohlwollen, aber auch ungläubiges Staunen über ihr Tun („Was, eine solch anstrengende Tour in eurem Alter?!“), ja, sogar Vorurteile und offene Ablehnung für die „Landstreicher“, was sie dazu bringt, ihre Situation und Beweggründe meist gar nicht im Detail darzulegen. Sie wandern. Punkt. Auch andere, meist jüngere, Backpacker kreuzen ihren Weg. Eine dieser Begegnungen hat mich besonders nachdenklich gestimmt: jene mit der Frau, welche Ray offenherzig, in Unkenntnis von Rays Lage, erzählt, dass sie als nächstes zum Friseur müsse, um sich „den Haaransatz nachfärben zu lassen“. – Bei aller Tragik und Trauer, welche hinter Rays und Moth‘ Geschichte steckt, lebt das Buch von solchen lustigen Episoden; es beschönigt zwar nichts, wirkt dank des aufrichtigen, humorvollen Schreibstils aber nicht deprimierend, sondern im Gegenteil sehr hoffnungsvoll und ermutigend.

Rays und Moth‘ ständiger Begleiter auf der Wanderung: Paddy Dillons Reiseführer „The South West Coast Path“. Das Buch dient ihnen zugleich als Wander-Tagebuch, in welchem sie Erlebnisse, Eindrücke, Begegnungen, Freud und Leid eintragen und festhalten. Aus diesen Notizen fertigt Ray nach ihrer Rückkehr ein Buch für Moth, für die Zeit, in welcher sein krankheitsbedingter körperlicher und vor allem geistiger Zerfall seine eigenen Erinnerungen an die Wanderung trüben, oder gar auslöschen, wird. Das Buch findet den Weg in den Handel, wird international zum Bestseller – und sorgt so für ein neues Auskommen für die beiden. Aus der Not ist etwas Neues entstanden, anders, aber ebenso stimmig für sie.

Und: Die Reise geht weiter, es gibt ein Wiedersehen mit den Protagonisten – im kürzlich erschienenen Band „Wilde Stille“. Was Ray und Moth alles erleben und wie es ihnen dabei ergeht – lesen Sie selber, es lohnt sich!

Eine sehr eindrückliche Geschichte aus dem wahren Leben, ein modernes Märchen mit (leider nur teilweisem) Happy End! Eine Geschichte auch, die Mut macht, dass sich in scheinbar ausweglosen Lagen ein Türchen öffnen kann, solange man an sich selber glaubt, auf sein Bauchgefühl vertraut und manchmal auch ein wenig Glück auf seiner Seite weiss.