Meerjungfrau sein!

Julian ist mit seiner Grossmutter unterwegs und begegnet auf dem Heimweg in der U-Bahn drei schillernden Meerjungfrauen. Sofort ist er fasziniert von diesen magischen Gestalten mit ihren türkisblauen Fischschwänzen und ihren kunstvollen Frisuren und träumt sich in eine farbenprächtige Unterwasserwelt, wo er sich selbst in eine Meerjungfrau verwandelt. Zuhause bei der Grossmutter angekommen ist Julian kurz alleine. Diesen Moment nutzt er, um sich mit Pflanzenblättern, Blumen und einem Vorhang als Nixe zu verkleiden. Die Grossmutter kehrt zurück, sieht ihren kostümierten Enkel und mit einem vielsagenden „Oh!“ verlässt sie wieder den Raum. Für einen Moment ist ungewiss, wie ihre Reaktion zu deuten ist. Kurze Zeit später kehrt sie zurück. Sie hat nun eine Perlenkette in der Hand, überreicht diese ihrem Enkel und nimmt ihn – als Meerjungfrau verkleidet – zu einer Meerjungfrauenparade mit an den Strand.

Zunächst bietet dieses Bilderbuch berauschend schöne Bilder, die in leuchtenden Gouache-Farben auf einen braunen Hintergrund gemalt sind und Jessica Love, die Autorin, erzählt in nur wenigen Worten eine zauberhaft unbeschwerte Geschichte, die im Gedächtnis bleibt. Love lebt in New York, wo jährlich die Mermaid-Parade stattfindet. Es ist ein Kunst-Umzug, der immer zu Beginn des Sommers als Willkommensfest der neuen Jahreszeit veranstaltet wird und der Autorin offensichtlich Inspiration für ihr Buch geliefert hat.

Auf einer weiteren Ebene greift dieses Bilderbuch Themen wie Fantasie, Diversität und Bestärkung der Selbstakzeptanz auf – in einer Leichtigkeit die seinesgleichen sucht. Das ist einerseits aktuell, weil es für Mädchen heutzutage durchaus akzeptabel ist, sich beispielsweise „männlich“ zu kleiden, mutig, stark und offensiv zu sein, im Gegenzug aber die Jungen in ihrem Verhalten und der Gestaltung ihres Äusseren immer noch mit grösseren Einschränkungen zu kämpfen haben. Die Schlüsselszene im Buch, in der die Grossmutter ihrem Enkel die Kette überreicht, ist deshalb in ihrer Aussagekraft (Es ist gut, so wie du bist!) unglaublich stark.

Andererseits ist es aber auch ein Buch, in welchem Geschlechterklischees eigentlich gar keine Rolle spielen, denn die Träume und Fantasien, egal welcher Art („männlich“, „weiblich“ oder was auch immer), stehen im Mittelpunkt und dürfen gelebt werden. Das ist das eigentlich Umwerfende an „Julian ist eine Meerjungfrau“ und genau deshalb sind Geschichten wie diese für alle Kinder so ungemein wichtig!

PS: In diesem Zusammenhang möchte ich auf das KIMI-Siegel aufmerksam machen. Das ist ein Siegel für Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern im deutschsprachigen Raum. Diese Auszeichnung wird jährlich im Rahmen von KIMBUK, einem Festival für vielfältige Kinder- und Jugendbücher in Berlin, verliehen. Ein Blick auf diese Webseiten lohnt sich!

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau. 2020 bei Knesebeck erschienen.

(Original „Julian is a Mermaid“ Walker 2018)

Es ist ein Elch entsprungen

«Am Abend des dritten Advents stürzte Mr Moose auf unser Haus im Finkelwaldweg.

Zur Adventszeit singen und musizieren wir, daher befanden wir uns im Wohnzimmer: Kiki sass am Klavier, Mama spielte die Blockflöte und ich war für den Gesang zuständig. Ich habe einen besonders schönen Knabensopran.

Es duftete nach den Orangenschalen, die Mama auf die Heizung gelegt hatte. In den Fensterscheiben spiegelte sich warmer Kerzenglanz und draussen schwebten leise und sacht dicke Schneeflocken zur Erde. Ich fühlte mich sehr vorweihnachtlich.

«Vom Himmel hoch, o Englein kommt», sang ich. Mama setzte die Blockflöte ab und krähte fröhlich: «Eia,eia, susani, susani, susani! »

Es waren nicht die Englein, die vom Himmel kamen, es war Mr Moose. Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte und im nächsten Augenblick stürzte er auch schon durch die Zimmerdecke. Genauer gesagt stürzte er erst durch das Hausdach und dann durch die Zimmerdecke. Der Boden unter unseren Füssen vibrierte. Ich hörte Mama und Kiki schreien….»

Wer glaubt heute noch an den Weihnachtsmann? Bertil ganz bestimmt nicht. Bis eines Tages Mr. Moose, der Elch, durchs Hausdach kracht, den Wohnzimmertisch in Kleinholz verwandelt und ihn eines besseren belehrt.

Wunderbar passend zur Adventszeit voller Kerzenlicht und liebgewonnener Rituale der zeitlos moderne Weihnachtsklassiker von Andreas Steinhöfel, neu aufgelegt mit Illustrationen von Katja Gehrmann. Eine Geschichte, mit viel Witz und Leichtigkeit erzählt, die direkt ins Herz trifft.

Es ist ein Elch entsprungen
Andreas Steinhöfel, mit Bildern von Katja Gehrmann