Chaos der Gefühle

Drei beleidigte Chamäleons sitzen auf einem Baum und verschränken demonstrativ die Arme, ein Hamster, dem die Einsamkeit wortwörtlich ins Gesicht geschrieben steht, ein Igel, dessen ganzer Körper Verlegenheit ausdrückt oder eine genervte Eule in Grossaufnahme. Das alles findet man im Buch Da sein. Was fühlst du?, einem neuen Werk der fabelhaften Schweizer Kinderbuchillustratorin Kathrin Schärer. Schärer setzt darin die unterschiedlichsten Emotionen anhand von liebevoll gezeichneten Tierfiguren besonders eindrücklich in Szene.

Diese verflixten Gefühle gehören schon früh zu einem wichtigen Bestandteil der Lebenswelt eines Kindes, und oft gleicht das Erleben einer regelrechten Achterbahnfahrt. In Windeseile wechselt es von vergnügt zu zornig, von traurig zu fröhlich usw. Zunächst können diese Emotionen noch überhaupt nicht eingeordnet geschweige denn benannt werden – der Umgang damit will geübt sein!

Schärers Buch ist für Kinder ab drei Jahren konzipiert. Durch die Betrachtung dieser ganz unterschiedlichen Szenerien und im dazugehörigen Austausch darüber, werden erste Gefühlszustände wiedererkannt und unterschieden und mit den passenden Worten verbunden.

Die Auswahl von drei weiteren Medien – alle sind im Bestand der Stadtbibliothek Luzern – eignet sich ebenfalls bestens für die Auseinandersetzung mit Gefühlen, um sich selbst und andere besser zu verstehen.

Für die ganz Kleinen: Fratzekatze Die Katze macht eine Fratze! Einmal ist sie wütend, dann wieder vergnügt, erschrocken, traurig oder müde… Dieses Buch von Martina Badstuber eignet sich hervorragend für die Kleinsten ab ca. zwei Jahren.

Der Klassiker: Heute bin ich In wunderbar ausdrucksstarken Bildern, bei denen Farben gezielt zum Einsatz kommen, nimmt einen die bekannte Illustratorin Mies van Hout mit auf eine wahre Gefühlsreise. Das Buch wurde 2013 nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis und ist empfehlenswert für Kinder ab ca. drei Jahren.

Zum Hören: Kater Mats und sini komische Gfüehl am Geburtstag Kater Mats hat bald Geburtstag und zu einer Party eingeladen. Als er erfährt, dass auch der Hund Waffel zu Besuch kommt, verliert er allen Mut. In der Zeit bis zum Fest durchlebt er die unterschiedlichsten Gefühle wie Vorfreude, Ungeduld, Angst und Mut. Eingängige Lieder ergänzen die Geschichte musikalisch. Das Hörbuch ist ideal für Kinder ab dem Vorschulalter.

Queer durch unsere Literatur

Es gibt sie! Und zum Glück gibt es sie immer mehr:

Queere Romane, die von frei gewählten Identitäten und Liebesbeziehungen handeln und deren Protagonist*innen, mit ihren unterschiedlichsten Lebensweisen und Kulturen, abseits von traditionellen Rollen und konventionellen Vorstellungen, auf wunderbare Weise die Diversität der Menschen abbilden.

Vielfach handeln die Geschichten von Vorurteilen, schmerzlichen Erlebnissen, Ausgrenzung und eigener Zerrissenheit und machen so auch auf gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Konflikte aufmerksam.

Eindrücklich illustriert dies der Debütroman «Die jüngste Tochter» von Fatima Daas, ausgezeichnet mit dem Internationalen Literaturpreis 2021.

Die Autorin beschreibt in ihrem autofiktionalen Roman den Konflikt einer jungen Frau namens Fatima, die einerseits als gläubige und praktizierende Muslimin in einem Vorort von Paris mit ihrer algerischen Familie lebt und andererseits als unabhängige, rebellische und unverheiratete Französin eine Frau liebt. Der Zwiespalt zwischen Glauben und sexuellen Präferenzen, Familie und eigener Identität wird von Fatima Daas in markanter, eindringlicher Sprache beschrieben. Ein beeindruckendes Debüt, das gehört und gelesen werden will. Passend dazu der in Grün gehaltene Einband des Claassen Verlags: Grün – die Farbe der Hoffnung und des Islam!

Es gibt aber immer mehr auch «entdramatisierte» Romane, die lustvoll, witzig und einfach «stinknormal» queere Themen angehen.

Jüngstes Beispiel ist der Debüt-Roman von Bernardine Evaristo «Mädchen, Frau etc.», ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2019.

Anhand von zwölf Women of Color-Geschichten im multikulturellen London, jenseits von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, gelingt es der Autorin, mit Witz, swingendem Stil, wertfrei und „entmoralisierend“ das grosse Thema des Zusammenlebens, gegenseitigen Respektierens in der heutigen Zeit zu skizzieren. Ihr ungewöhnlicher Schreibstil ohne Punkt am Satzende ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, begeistert das Buch und bringt die verschiedenen Geschichten wunderbar auf den Punkt.

Und last but not least:

Queere Geschichten sind immer mehr auch in den Regalen des Kinder- und Jugendbereiches anzutreffen und leisten einen wichtigen Beitrag, gerade Kinder und Jugendliche darin zu bestärken, sich so anzunehmen und zu lieben, wie sie wirklich sind! Zwei wunderbare Bilderbücher hier zur Empfehlung:

«Mein Schatten ist Pink» von Scott Stuart und «Wau Wau Miau!» von Blanca Lacasa.

Auf eine bunte Welt ohne Vorurteile!!!

eine reise des lebens – unterwegs auf dem „salzpfad“

Ich liebe Krimis! Sie sind meine bevorzugte und häufigste Lektüre. Weshalb, kann ich mir selber nicht recht erklären; vielleicht im Wissen, dass all das Schlechte und Böse ein gutes Ende findet? Nichtsdestotrotz: Auch in unserem übrigen Sortiment gibt es viele lesens- (oder hörens- und sehens)-werte Trouvaillen. Und eine solche Perle ist mir kürzlich in die Hände gekommen und hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann gezogen. Das echte Leben schreibt halt doch immer wieder beeindruckende Geschichten.

Deshalb nehme ich Sie heute mit auf eine Wanderung. Das heisst, nicht nur heute, nicht nur ein paar Stunden – es handelt sich auch nicht um eine Zwei- oder Drei-Tages-Tour; nein, wir werden gleich mehrere Monate auf Schusters Rappen unterwegs sein.

Es ist dies die Geschichte, die Wanderung von Raynor und Moth Winn. Das Paar mittleren Alters verliert, praktisch von einem Tag auf den anderen, ihre Farm in Wales, und damit sowohl das über Jahrzehnte lieb gewonnene Dach über dem Kopf als auch die Existenzgrundlage; die Ersparnisse – diese sind für Anwälte und Prozesskosten verschwunden; und obendrein auch noch Moth‘ Gesundheit, in Form einer unheilbaren neuro-degenerativen Erkrankung.

Aus dieser Not heraus, mit einem Budget von 50 Euro pro Woche und entgegen den Rat seiner Ärzte („Vermeiden Sie Anstrengungen, laufen Sie keine zu weiten Strecken!“), begeben sich Ray und Moth auf den „Salzpfad“. Dieser rund 1000 Kilometer lange, wilde Wanderweg entlang der englischen Südwestküste, ursprünglich geschaffen, um Schmuggler aufzuspüren, wird während Monaten zu ihrem neuen Zuhause, ein Zelt zu ihrem Obdach, Mahlzeiten aus der Dose zu ihrem Standard-Menu. Ein Abenteuer, im Einklang mit der rauen, freien Natur, aber auch ein Ringen gegen die Gewalt der Elemente, gegen Wind und Wetter, Hunger und Moth‘ Krankheit; ein Kampf ums Überleben mit dem Allernötigsten, eine Reise an die eigenen Grenzen, aber auch zu sich selber und im Glück, einander zu haben. Erstaunlich vor allem Moth‘ körperliche Entwicklung: Je länger die beiden unterwegs sind, desto besserer Verfassung erfreut er sich. Die frische Luft, die Bewegung, die Wärme tun ihm gut (Kälte und Nässe allerdings weniger), lindern seine Schmerzen und die Symptome seiner Krankheit und strafen damit alle ärztlichen Prognosen Lügen – wenn auch nur vorübergehend.

Nicht nur die Natur, sondern auch Menschen prägen ihren Weg. Ray und Moth ernten Interesse und Wohlwollen, aber auch ungläubiges Staunen über ihr Tun („Was, eine solch anstrengende Tour in eurem Alter?!“), ja, sogar Vorurteile und offene Ablehnung für die „Landstreicher“, was sie dazu bringt, ihre Situation und Beweggründe meist gar nicht im Detail darzulegen. Sie wandern. Punkt. Auch andere, meist jüngere, Backpacker kreuzen ihren Weg. Eine dieser Begegnungen hat mich besonders nachdenklich gestimmt: jene mit der Frau, welche Ray offenherzig, in Unkenntnis von Rays Lage, erzählt, dass sie als nächstes zum Friseur müsse, um sich „den Haaransatz nachfärben zu lassen“. – Bei aller Tragik und Trauer, welche hinter Rays und Moth‘ Geschichte steckt, lebt das Buch von solchen lustigen Episoden; es beschönigt zwar nichts, wirkt dank des aufrichtigen, humorvollen Schreibstils aber nicht deprimierend, sondern im Gegenteil sehr hoffnungsvoll und ermutigend.

Rays und Moth‘ ständiger Begleiter auf der Wanderung: Paddy Dillons Reiseführer „The South West Coast Path“. Das Buch dient ihnen zugleich als Wander-Tagebuch, in welchem sie Erlebnisse, Eindrücke, Begegnungen, Freud und Leid eintragen und festhalten. Aus diesen Notizen fertigt Ray nach ihrer Rückkehr ein Buch für Moth, für die Zeit, in welcher sein krankheitsbedingter körperlicher und vor allem geistiger Zerfall seine eigenen Erinnerungen an die Wanderung trüben, oder gar auslöschen, wird. Das Buch findet den Weg in den Handel, wird international zum Bestseller – und sorgt so für ein neues Auskommen für die beiden. Aus der Not ist etwas Neues entstanden, anders, aber ebenso stimmig für sie.

Und: Die Reise geht weiter, es gibt ein Wiedersehen mit den Protagonisten – im kürzlich erschienenen Band „Wilde Stille“. Was Ray und Moth alles erleben und wie es ihnen dabei ergeht – lesen Sie selber, es lohnt sich!

Eine sehr eindrückliche Geschichte aus dem wahren Leben, ein modernes Märchen mit (leider nur teilweisem) Happy End! Eine Geschichte auch, die Mut macht, dass sich in scheinbar ausweglosen Lagen ein Türchen öffnen kann, solange man an sich selber glaubt, auf sein Bauchgefühl vertraut und manchmal auch ein wenig Glück auf seiner Seite weiss.

„Der Name der Rose“ im Serien-Zeitalter

Bald sind es unglaubliche 40 Jahre her, seit der Weltbestseller von Umberto Eco auf Deutsch erschienen ist. Ich muss zugeben, ich habe es leider nie geschafft, dieses Mittelalter-Epos zu lesen – vielleicht mit ein Grund, weshalb mir die Verfilmung von Jean-Jacques Annaud aus dem Jahr 1986 so gefiel. Eine unheimliche Benediktiner-Abtei in den italienischen Alpen, Mönche wie aus einem Horrorfilm, ein grausamer Inquisitor – und mittendrin der weise Franziskaner William von Baskerville (gespielt vom unvergessenen Sean Connery), der mit der Hilfe seines Novizen Adson versucht, eine mysteriöse Mordserie aufzuklären. Das war (sprichwörtlich) grosses Kino!

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass auch aus diesem Stoff eine Serie produziert wurde. Aber kann sie neben dem Originalfilm bestehen? In der Serie wird William von Baskerville von John Turturro verkörpert – zweifellos ein grossartiger Schauspieler, aber in dieser Rolle kann er nicht restlos überzeugen. Der feine Humor und die väterliche Warmherzigkeit, mit der Connery die Figur gespielt hat, habe ich schmerzlich vermisst. Ein weiterer Minuspunkt für mich: Im Gegensatz zum Originalfilm, der richtig Mut zu Hässlichkeit hatte, kommt in der Serie alles viel sauberer und adretter daher.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige Pluspunkte: die Serie besteht aus 8 Folgen, was für die Spannung (Aufklärung der rätselhaften Morde) vielleicht nicht förderlich ist, aber dafür mehr Einblick gibt in die mittelalterliche Klosterwelt – auch der damals herrschende Kirchenzwist (Franziskaner versus Vatikan) bekommt in der Serie mehr Gewicht.

Ebenso erhält der junge Adson in der Serie mehr Raum, man erfährt seine Vorgeschichte, und seine heimliche Liebesaffäre mit einem Mädchen wird ausgebaut.

Und damit komme ich zu einem weiteren grossen Plus: im Originalfilm war das besagte Mädchen – namenlos und stumm – die einzige weibliche Figur. Einen Namen hat sie zwar auch in der Serie nicht, aber wenigstens darf sie sprechen … wenn auch als Flüchtlingsmädchen in einer fremden Sprache. Zudem sie hat Verstärkung bekommen: mit der Rolle der jungen Anna, die sich am Inquisitor Bernardo Gui für den Mord an ihrer Familie rächen will, kommt eine zweite wichtige Frauenfigur in die Geschichte! Und zwar eine mit Pfeil und Bogen – «Hunger Games» und «Game of Thrones» lassen grüssen …

Mein ganz persönliches Highlight in der Serie ist Rupert Everett – normalerweise auf die Rolle des ewigen Dandy abonniert, spielt er den bitterbösen Inquisitor dermassen überzeugend, dass es eine Freude ist.