Echo Mountain

Nach dem Börsencrash 1934 ziehen viele verarmte Familien von der Stadt in die Berge von Maine, um sich dort selbst zu versorgen. So auch Ellie und ihre Familie. Sie führen ein einfaches Leben, der neue Alltag ist anstrengend und entbehrungsreich. Während Mutter und Schwester mit den neuen Lebensumständen hadern, blüht Ellie auf. Sie liebt die Natur, die Tiere, die Bäume und alles neue Wissen, das ihr Vater sie lehrt. Als er nach einem schweren Unfall ins Koma fällt, setzt sie alles daran, ihn wieder aufzuwecken.

Die Geschichte zieht einen von der ersten Seite an in ihren Bann mit ihrer wunderschönen, melodischen und poetischen Sprache. Das Buch lebt von den atmosphärischen Beschreibungen der Natur und Ellies Gefühlswelt. Lesend durchwandert man an ihrer Seite die Berge von Maine mit ihren Balsam-Tannen, Wildbienen und Bergbächen. Es ist eine Geschichte über die Liebe zur Familie, zu Freunden, Natur, Tieren und zum Leben. „Echo Mountain“ ist ein sehr berührender und zeitlos schöner Roman (ab 11 Jahren).

Echo Mountain
Lauren Wolk

Carl Hanser Verlag, 9783446269590

„Rein ins Gewimmel!“ Spass mit Wimmelbüchern für gross und klein

Selten macht Suchen soviel Spass wie in Wimmelbüchern. Da werden nicht nur Figuren gesucht, sondern auch kleinste Gegenstände wie Schlüssel oder Goldmünzen sind zu finden! Diese Art von Büchern laden ein, lange zu verweilen und nicht locker zu lassen, bis das gesuchte Objekt entdeckt ist!

Ali Mitgutsch gilt als Erfinder des Wimmelbuchs. Vielleicht erinnern Sie sich noch an seine Bücher aus Ihrer Kinderbücher-Zeit? Und vielleicht lieben Ihre Kinder heute diese Bücher auch! Denn die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch sind noch immer begehrt und stehen selten lange in unseren Bilderbuchtrögen. Mittlerweile befinden sich seine Exemplare inmitten eines riesigen Wimmelbuch-Angebots.

Neben den Büchern von Ali Mitgutsch zählen die Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner, die das Leben in Wimmlingen in allen 4 Jahreszeiten zeigen, zu den Klassikern für die jungen Kinder, und die Bücher von Martin Handford mit der Frage: Wo ist Walter? erfreuen sich einer grossen, etwas älteren Fangemeinde. Doch das mit dem Alter ist so eine Sache…

Wahrscheinlich geschieht der Einstieg in die Wimmelwelten wohl über die Kinder. Doch lädt diese besondere Form von Büchern auch Erwachsene ein, nach kleinen Details versteckt im Bild zu suchen. Und längst hat der Wimmelbuch-Markt auch die älteren Kinder und Jugendlichen entdeckt. Da gibt es Bücher im Rahmen von Star Wars „Wo ist der Wookiee?“, die zu einer galaktischen Bildersuche einladen, oder die Reihe „Ich sehe was…“ und auch ein Asterix-Wimmelbuch darf nicht fehlen. Die Aufzählung liesse sich mit einer grossen Anzahl von weiteren Wimmelwelten ergänzen

Der Bildanteil in diesen Büchern ist sehr hoch, detailreich, dicht und oft mit viel Witz gespickt. Die Betrachtenden können sich wunderbar allein mit diesen Büchern beschäftigen, doch wesentlich mehr Spass macht es natürlich zu zweit. Da wird scharf beobachtet, gelacht und erzählt. Wortschatz, Sprache und Ausdruck werden gefördert. Das sind wichtige Bausteine für die Kommunikation. Sich in einer wimmeligen Umgebung fokussieren und konzentrieren zu können, sind gerade in der heutigen Zeit gefragte Fähigkeiten. Aus Bildern eine Geschichte zu erschliessen regt die Betrachtenden zu einer höchst aktiven Auseinandersetzung an. Wimmelbücher bieten so eine wunderbare Gelegenheit, Lernen mit Spass zu verbinden!

In diesen Büchern gibt’s nicht nur eine Geschichte zwischen den Buchdeckeln, sondern eine Vielzahl von Figuren und Handlungssträngen, denen man folgen kann. Diese Bücher passen deshalb auch wunderbar ins Feriengepäck! In der Stadtbibliothek finden Sie ein grosses Angebot an verschiedensten Arten von Wimmelbüchern für alle Altersstufen.

Zum Schluss noch eine kleine „Perle“: Im „Luzern Wimmelbuch“ lassen sich bekannte Orte und Plätze dieser wunderschönen Stadt finden. Dieses comic-artige Wimmelbuch, illustriert von Amadeus Waltenspühl, richtet sich eher an Erwachsene. Finden Sie auf dem folgenden Bild das Gebäude der Stadtbibliothek Luzern? Los geht’s – rein ins Gewimmel!

Bild aus dem Buch: Das Luzern Wimmelbuch (©Amadeus Waltenspühl, Vatter&Vatter AG, Bern und Berlin, 2016)

Lieblingsautor*innen (I): Arno Camenisch

«Der Senn hängt an seinem Gleitschirm in den Rottannen unterhalb der Hütte der Alp Fusse des Sez Ner. Er hängt mit dem Rücken zum Berg, von der Hütte aus hört man ihn fluchen, mit dem Gesicht zur anderen Talseite, wo die Spitzen der Berge gegen den Himmel ragen, Seite an Seite, in der Mitte der Péz Tumpiv, mächtig, wie er da steht, mit seinen 3101 Metern, als überrage er die anderen schneefreien Bergspitzen. Der Zusenn sagt, der kommt dann schon wieder, der soll ruhig noch ein bisschen zappeln, wenn er schon nicht drüber gekommen ist»

«Orapronobis, der Alte hoch oben im Himmel lässt sich dieses Jahr aber Zeit, Cofferteckel, wenn denn etwas Schnee fallen würde, wäre das nicht verkehrt, sagt der Paul und schaut in den Himmel, aber Petrus, der Esel, hält uns hin, und sein Boss hat anderes zu tun»

Das sind die jeweils ersten Abschnitte aus Sez Ner, dem 2009 erschienen Erstling, und aus dem 2018 erschinenen «Der letzte Schnee» von Arno Camenisch – und sie zeigen nicht nur, dass er ein Meister der ersten (und langen) Sätze ist, sondern sie stehen auch exemplarisch für das 12 Bücher umfassende Werk von Arno Camenisch. Und dafür, weshalb er einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist. Denn Arno Camenisch schreibt mit viel (Sprach-)Witz, mit einem ganz eigenen Rhythmus und mit einer grossen Melodiosität und Leichtigkeit, durch die er in seinen Geschichten eine Atmosphäre schafft, die mich regelmässig komplett in die Handlung versinken lässt. Sei es in das Leben auf der Alp in «Sez Ner», in die Dorfbeiz in «Ustrinkata», an die Skilift-Station in «Der letzte Schnee», in das Schulhaus in «Herr Anselm» oder an die Tankstelle in «Goldene Jahre».

Die Aufzählung dieser Buchtitel zeigt: Arno Camenisch greift bei seinen Themen sehr stark auf die Erinnerung an seine Vergangenheit, an seine Herkunft zurück. Für mich ist er deshalb – er würde den Ausdruck vermutlich hassen, aber er ist nur positiv gemeint – eine Art moderner «Heimatschriftsteller», weil er es in seinen Büchern schafft, ein dörfliches Leben, das heute an einigen Orten noch existiert, aber immer mehr vom Aussterben bedroht ist, präzise und liebevoll zu dokumentieren. Es ist auch nicht verwunderlich, dass mich diverse Stellen immer wieder an meine eigene Vergangenheit, an meine eigenen Grosseltern erinnern lässt – beispielsweise diese aus seinem letzten Buch «Der Schatten über dem Dorf»:

«Nach dem Zwischenfall am Flughafen in Zürich, als der Grossvater mehrmals durch die Kontrolle musste, weil es piepste und er schliesslich das Zigarettenpäckchen aus der Tschopentasche nehmen musste, was die Grossmutter sah, wo sie doch meinte, der Grossvater habe bereits seit Jahren mit dem Rauchen aufgehört, und daraufhin bis Amsterdam nicht mit ihm redete, verlief die Reise gut»

Sowieso das letzte Buch «Der Schatten über dem Dorf», dass von einer schlimmen Tragödie in einem Graubündner Dorf handelt: In diesem tollen neuen Werk behält Camenisch all seine erzählerischen Qualitäten bei – die Leichtigkeit, den Rhythmus, den Humor. Es hat aber gleichzeitig eine Ernsthaftigkeit, die dieses Buch für mich noch wertvoller macht.

Arno Camenisch liest am Donnerstag, 2. September 2021 auf Einladung der Stadtbibliothek im stattkino aus «Der Schatten über dem Dorf».

Musikalisch begleitet wird er vom absolut grossartigen Roman Nowka. Wir freuen uns!

Integration in der Schweiz – vier autobiographisch geprägte Romane

Und jährlich grüsst das Murmeltier: Spielt die Schweizer Nationalmannschaft wieder einmal schlechter – wie das in den ersten EM-Spielen gegen Wales und Italien der Fall gewesen sein mag – gibt es Gesprächsstoff: und der dreht sich verlässlich auch immer wieder um die Secondos und ihr Verhalten. Sache Batthyany hat das gestörte Verhältnis zur Nati in einem Artikel in der NZZ am Sonntag analysiert. Darin schreibt er unter anderem:

«Wie sehr Einwandererkinder zu Projektionsflächen werden, ist vielen Schweizern nicht bewusst. Secondos werden zwar in der Regel mit offenen Armen begrüsst, stehen aber ihr Leben lang unter dem Zwang, dankbar sein zu müssen, hier leben zu dürfen. Diese Dankbarkeit gilt es abzustottern wie eine ewige Hypothek.»

Dieser Absatz hat mich an das wunderbare Buch von Irena Brežná «Die undankbare Fremde» (KiWi, 2012) erinnert. In diesem autobiographisch geprägten Roman schildert die Ich-Erzählerin ihre Immigrationsgeschichte, die anfangs von Widerstand, Aufmüpfigkeit, Rebellion und Unverständnis geprägt ist:

«Ich kam nicht hierher, um zu schweigen. Tolerant wie die Gäste waren, gewährten sie mir kurze Redefreiheit, aber statt über meine Geschichten zu staunen, zerhackten sie sie mit praktischen Lösungen. Sie wollten die Welt lösen, ich wollte sie bloss erzählen». (S. 29)

Im Verlaufe der Geschichte lernt sie immer mehr mit dem Spannungsfeld zwischen der Fremde, die zur Heimat wird, und der ursprünglichen Kultur umzugehen und sich darin zurecht zu finden:

«Dort irgendwo zwischen den Welten, ist ein Platz für mich. Er wurde nicht für mich reserviert, ich habe ihn mir errungen» (S. 131)

«Die undankbare Fremde» ist eine absolute Leseempfehlung, wenn man sich mit dem Alltag von Migrant*innen in der Schweiz beschäftigen will – aber längst nicht die Einzige. Es ist im Gegenteil bemerkenswert, wie viele Autor*innen mit Migrationshintergrund in der Schweiz fiktional, aber von der eigenen Biographie geprägt, darüber schreiben. Eine sehr subjektive Auswahl:

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf (Wien, 2010)

Meral Kureyshi: Elefanten im Garten (Zürich, 2015) (im BVL auch als E-Book vorhanden):

Samira El-Maawi: In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel (Basel, 2020)

El-Maawi betont dabei in einem ihrer ersten Abschnitte, das Integration eben nicht ein- sondern gegenseitig verläuft, wenn sie schreibt:

«Mein Vater riss seine Wurzeln in Sansibar heraus und pflanzte sie wieder in der Schweiz ein. Hier kann er weiterwachsen. „Langsam aber sicher verwurzelt er sich“, meint meine Mutter. „Wie lange geht es denn, bis sich eine Pflanze ganz verwurzelt?“, frage ich sie. „Das kommt auf die Pflanze drauf an.“ „Und auf die Erde“, fügt meine Schwester hinzu.» (S. 9)

Alle vier Bücher kreisen um Fragen von Heimat und Wurzeln, von Neuanfang und Integration, von Zerrissenheit und Anpassung – und geben einen vielfältigen Einblick in das Leben von Migrant*innn in der Schweiz